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Leo N. Tolstoi: Die Kreutzersonate. In: Josef Hahn (Hg.):Leo N. Tolstoi Die Kreutzersonate und andere späte Erzählungen, S. 13-126

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Beim ersten Durchlesen wirkt diese „wohl berühmteste Erzählung“ Tolstois als veraltet. Man meint, sie habe Patina angesetzt und sei ähnlich wie ein alter Eisenbahnwaggon in einem Museum nur mehr als Erinnerungsstück an längst vergangene Zeit zu betrachten. An eine Zeit, in der die Partnerauswahl strengen Regeln folgte, wie sie auch Martina Winkelhofer in ihrem Buch „Adel“ genau anführt. „Nicht das persönliche Glück sollte das Ziel ihrer Heirat sein, sondern sie sollte sozusagen in einen, zu ihrem Stand passenden Aufgaben- und Wirkungsbereich einheiraten. Liebe sei etwas für „Stubenmädchen“, hieß es. „Die jungen Frauen gingen unberührt in die Ehe. (…) Dass junge Männer hingegen (…) teilweise sogar bereits mehrere Affairen hatten, war in der Gesellschaft absolut normal.

Nach der Lektüre dieser Kurzgeschichte stellte sich mir daher folgende Fragen. Warum war diese Erzählung schon zu Tolstois Lebzeiten so berühmt. Warum wartete das „kulturelle Russland mit ungeheurer Spannung auf die Buchausgabe der Erzählung“? Und warum liest man diese Erzählung heute noch? Ist sie für die heutige Zeit noch relevant, in der lt. Zeitungsbericht im Kurier in Österreich derzeit 1,3 Millionen Menschen allein leben und jede zweite Ehe geschieden wird.

Die Erzählung „Die Kreuzersonate“ erschien 1890 in Berlin und wurde mit Spannung erwartet, da vor dem endgültigen Abschluss bereits Vorabdrucke einzelner Kapitel erschienen waren. Tolstoi schildert akribisch die Geschichte einer Ehe mit ihrem tragischen Ende durch Mord aus Eifersucht. Als Rahmenerzählung lässt er die Geschichte in einem Eisenbahnwaggon spielen, in einem für damalige Zeiten fortschrittlichen Fortbewegungsmittel, ähnlich wie heute die Geschichten in Flugzeugen und auf Flughäfen angesiedelt sind. Die beiden Personen, Tolstoi und seine Frau waren anscheinend bekannte Personen. Man vermutete wahrscheinlich zu recht, dass einige persönliche Interna in diese Geschichte eingeflossen waren. Schließlich konnte durch das genaue Aufzeigen einer Gesellschaftspraktik auch Kritik an ihr geübt werden.

Betrachte ich die Geschichte heute als Leser, so finde ich erst einmal die genaue Beschreibung einer Beziehung sehr gut, die Änderung derselben durch die Kinder und die Veränderung, die sich bei den Ehepartner ergibt. Er/Sie hat sich sehr verändert, wir haben uns auseinandergelebt, sind auch heute beliebte Gründe für eine Trennung.

Es ist auch eine Geschichte der Einsamkeit. Die große Anzahl von Personen, die in der Erzählung vorkommen, könnten darüber hinwegtäuschen, dass es sich eigentlich um die Geschichte einer einzelnen Person handelt, die bereits vor seiner furchtbaren Tat von Gesellschaft und Familie getrennt war. Nun sitzt P. allein im Zug sitzt, unterwegs, auf der Reise, eingeschlossen in sein Schicksal. Er ist auf den ersten Blick unsympathisch, ein Mörder, der nur einem Mitreisenden seine Geschichte erzählt. Doch auch dies bringt ihm keine Erlösung. Es zeichnen sich nämlich beide Personen durch einen Mangel an Einfühlungsvermögen und Mitgefühl aus. Der Erzähler in seiner offensichtlich von Besitzgier und Eifersucht geprägten Lebensgeschichte und der Zuhörer, der sich ohne Kommentar sich die Geschichte anhört. Es scheint als wären Erzähler und Zuhörer eine Person sein. P. schaut in einen Spiegel, der ihm kühl seine eigene Geschichte zurückgibt.

P.mordet aus Eifersucht, doch es ist nicht nur die Vermutung der ehelichen Untreue, die ihn zu diesem Schritt bringt. Während P. selbst in seiner Körperlichkeit gefangen ist obwohl er höhere Ziele anstreben will, gelingt es seiner Frau sich aus dieser zu befreien und sich nicht zuletzt durch die Kunst, mithilfe der Musik, in Sphären zu begeben, in die er ihr nicht nachfolgen kann und die sie im Gegenteil mit jemanden anderen teilt. Die Hauptperson stellt an sich selbst moralische Anforderungen, denen sie nicht gewachsen ist. Es scheinen vor allem Männer zu sein, die durch körperliche Kasteiung, man denke an Mönche und an das Zölibat der katholischen Priester, versuchen, ihrer Leiblichkeit zu entfliehen.

Es ist dieses Motiv, das auf heute übertragen werden kann, nämlich den andauernde Versuch des Menschen, sich aus dem vergänglichen Leib, sich aus den „als einen den Menschen erniedrigenden tierischen Zustand“, in eine andere Sphäre zu begeben.

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