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Natti und John - Spione am Werk

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1 Natti und John - Spione am Werk am Mi Apr 04, 2018 9:43 am

Zwei Großväter erinnern sich

Irgendwann – zu keiner Zeit – auf Teeny-weeny-Star liefen sich Nattis und Johns Großvater über den Weg. Nach den unglaublichen Ereignissen, die sich vor kurzem hier auf dem klitzekleinen Planeten ereignet hatten, waren auch sie gute Freunde geworden. Die Freundschaft der Enkelkinder hatte sich sozusagen auf die Großväter übertragen.
„Hallo Edi! Schön, dich zu treffen.“
„Ah Deputy! Was tust du denn hier, am Freizeitpol? Ich hoffe doch, du wirst deine Amtsgeschäfte nicht vernachlässigen!“
„Aber nein. Das heißt, oft freut es mich ja gar nicht mehr ins Ministerium zu gehen, seit die Kinder weg sind. Dauernd denke ich an John, diesen Teufelskerl. Nun habe ich ihn doch noch kennengelernt, auf meine alten Tage, wenn es mir schon auf Erden nicht mehr gegönnt war. Ich vermisse ihn jetzt schon.“
„Ja, ja. Mir geht’s genauso. Ich bin auch ein einsamer alter Knacker, der wehmütig an seine Enkeltochter denkt.“
„Gehen wir gemeinsam ein Stück?“, forderte der Deputy den alten Edi freundlich auf.
„Ja, gerne. Es ist nicht weit bis zum Air-swimmer-Übungsplatz. Hast du Lust ein bisschen zuzusehen?“
„Ja, wenn du meinst.“
Sie fanden ein sonniges Plätzchen und setzten sich auf eine Bank. Von hier aus konnten sie den Talkessel mit dem Platz gut überblicken.
„Weißt du, ich komme jetzt öfter hier her“, erklärte Edi. „Ich schaue gern den Kindern zu beim Üben. Das lenkt mich ab. Ich muss oft lachen, wenn sie auf dem Bauch landen. Das hebt meine Stimmung, wenn ich traurig bin.“
„Wenigstens ist uns das Air-swimmen erspart geblieben. Wir waren ja keine Kinder mehr, als wir kamen.“
„Als ich kam warst du schon da. Genauer kann man es hier nicht messen.“
„Ja. Es ist gut so. – Obwohl ... “, der Deputy hielt inne, nickte gedankenverloren und fuhr dann fort: „... obwohl ja schon auf Erden die Relativitätstheorie eine Korrektur des gewohnten Zeitbegriffes forderte. Zeit ist nichts Absolutes.“
„Verstehe ich nicht“, sagte Edi.
„Musst du auch nicht“, flüsterte der Deputy. „Weißt du, Edi, ich hätte Vieles anders machen sollen. Ich habe Fehler gemacht während meiner Zeit am großen Erdhaufen.“
„Da kann ich dich beruhigen“, beschwichtigte Edi. „Ich habe auch einiges verbockt. – Schau! Da kommt schon der Professor. Er richtet jetzt die Kügli her.“
Da staunte der Deputy: „Hast du auch etwas falsch gemacht?“
Da schmunzelte Edi 9-Erler mitleidig: „Natürlich. Man weiß es ja immer erst im Nachhinein, ob es ein Blödsinn war oder nicht.“
„Stimmt. Aber so einfach ist es nicht. Ich mache mir oft große Vorwürfe.“
„Große Vorwürfe? Find’ ich übertrieben“, lachte Edi. „Große Vorwürfe mache ich mir nicht. Während meiner Lehrzeit habe ich ein Jackett falsch zugeschnitten. Der Stoff war dahin, aber sonst ist mir beruflich eigentlich nichts passiert. Ich musste nach der Lehre gleich die Werkstatt vom Vater übernehmen, so wie dieser ehemals von dem seinen. Das Geschäft ging gut. Wir hatten auch immer Lehrlinge und ein bis zwei Gesellen. Eigentlich habe ich ganz gut verdient.“
„Hättest du dich nicht vergrößern und eine Fabrik eröffnen können?“
„Oh nein! Als Fabrikdirektor hätte ich nicht getaugt. Das wäre vielleicht in Amerika möglich gewesen, aber bei uns am Land war von so etwas nie die Rede. Außerdem wäre mir das viel zu anstrengend gewesen. Ich war nicht so ehrgeizig, den ganzen Tag zu schuften und am Abend noch stundenlang Kalkulationen durchzurechnen. Wir hatten natürlich auch Uhren in Engelbruck, aber so schnell wie in Amerikas großen Städten gingen die nicht. Am Abend frönte ich ja meinen Lastern im Wirtshaus gegenüber. – Schau, die ersten Kinder kommen schon!“
Der Deputy ließ sich nicht ablenken: „Bei euch war wohl alles recht gemütlich, hm?“
„Glaub’ bloß das nicht! Mit meinen Freunden am Wirtshaustisch, da war es oft zu gemütlich. Wie oft bin ich am Sessel kleben geblieben, bis in die frühen Morgenstunden? Und dann musste mich die Wirtin den kurzen Weg nach Hause stützen, weil ich es in meinem Dusel nicht mehr schaffte! Das waren Zeiten, ich kann dir sagen ...“
Der Deputy hörte seinem Freund interessiert zu. Fast hätte man meinen können, er würde ihn im Nachhinein um seine Erlebnisse beneiden. Er fragte ihn: „Und habt ihr oft so wild gefeiert?“
„Wenn ich ehrlich sein soll: Ja. Und das war auch der Grund, warum ich es nie zu einer Fabrik gebracht hätte, weder bei uns am Land noch in der Großstadt. Meinen Verdienst vom Tag habe ich abends gleich wieder ausgegeben.“
„Aber du konntest doch mit deinem Geld auskommen?“
„Mit der Arbeit ja. Aber mit der Frau Gemahlin nicht.“
„Oh je“, murmelte der Deputy.
„Na ja ..., am Anfang war sie gar nicht übel ..., aber mit den Jahren wurde unser Zusammenleben immer schlimmer. Jeden Tag hatten wir Streit. Jeden Tag unseres langen Lebens.“
„Hört sich wirklich nicht gut an. Was hättest du anders gemacht, aus heutiger Sicht?“
„Wenn ich nur halb so viel ins Wirtshaus gegangen wäre, hätte sie vielleicht nur halb so viel mit mir geschimpft. Mir wäre dann um die Hälfte mehr Geld übrig geblieben und sie wäre vielleicht nur halb so neidsüchtig geworden. Aber wie du ja gehört hast, liegt die Betonung auf ‚vielleicht‘. Wer weiß schon, was gewesen wäre, wenn ...? – Schau, sie fangen schon an!“
„Ja, ich sehe es. – Und als Natti zur Welt kam, wie war denn das?“
„Da hab’ ich es zum letzten Mal ordentlich krachen lassen! Ich traue es mir kaum zu sagen, aber: Ein ganzer Monatsverdienst ging dabei drauf!“
Der Deputy war entrüstet: „Da hätte meine Frau aber auch geschimpft!“
„Verstehe. Ich habe mit den Dummheiten auch drei Wochen nach Nattis Geburt aufgehört. Zum Trost folgten noch wunderbare Jahre mit meiner Enkeltochter. Die Sache mit der ‚Hexe‘ war nicht mehr zu retten, aber meinem Vorsatz, Natti zuliebe ein braver Mensch zu werden, bin ich immer treu geblieben ... – bis auf einen kleinen Ausrutscher. - Ha! Ausrutscher! Oooh nein, nun schau dir einmal an, was die Kleinen heute aufführen! Also, so wird das nichts, hahaha!“
„Na du bist gut! Sie sind ja Anfänger.“
„Nein, nein, das weiß ich besser. Die haben schon einmal hier geübt und seither haben sie alles wieder verlernt. Bei dem kleinen Dicken verstehe ich, wenn er sich schwer tut, aber der Rothaarige war an seinem ersten Übungstag besser als heute, und der neben ihm auch.“
„Vielleicht haben sie heute schlechten Wind“, suchte der Deputy nach einer Erklärung. Edi verneinte und wechselte das Thema: „Wolltest du mir nicht vorhin auch von deinen Dummheiten erzählen, die du am Erdhaufen angestellt hast?“
„Dummheit ist wohl nicht ganz der richtige Ausdruck.“
„Nenn es wie du willst, aber nun rück schon endlich damit raus! Du hast mich wirklich neugierig gemacht.“
Der Deputy erhob sich und ersuchte seinen Freund:
„Gehen wir ein Stück? Es fällt mir leichter darüber zu sprechen, wenn ich in Bewegung bin.“
Die beiden machten sich wieder auf den Weg.
„Also – was warst du denn von Beruf?“, erleichterte Edi dem Deputy den Anfang.
„Ich war Physiker.“
„Hört sich kompliziert an.“
„Ja. Weißt du was ein Physiker macht? Was alles in den Bereich der Physik gehört?“
„Keine Ahnung!“
„Also. Die Physik beschäftigt sich mit den Vorgängen der unbelebten Natur. Es ist ein theoretisches Wissen, mit dem die physikalische Welt erklärt werden kann. Zur Kontrolle der Richtigkeit muss dieses Wissen aber in jedem Fall einer experimentell beobachteten Wirklichkeit standhalten.“
„Aha“, murmelte Edi als hätte er alles verstanden. Nur: Es klang nicht überzeugend.
Da versuchte er es noch einmal:
„Die Physik erklärt dir Dinge, die tatsächlich in der Welt sind, die man aber mit freiem Auge nicht sieht.“
„Das gibt es? Unsichtbare Dinge? Am Erdhaufen?“
„Natürlich.“ – Der Deputy freute sich, dass sein Freund hellhörig geworden war.
„Da habe ich ja viel verpasst.“
„Aber nein. Es handelt sich um ein kompliziertes Fachwissen. Die wenigsten Erdbewohner kümmern sich um solche Dinge.“
„Und wie bist du darauf gekommen?“
„Schon als ich noch ein kleiner Schuljunge war haben mich die Lehren der alten Griechen fasziniert. Durch die Physik fand ich einen Weg, die Naturgesetze, die auf dem Erdhaufen herrschten, kennenzulernen. Und Galileo habe ich auch bewundert. Er war der Begründer der modernen Physik.“
„Pah! Modern? Soviel ich weiß, lebte er vor hunderten von Jahren!“
„Er untersuchte 1589 in Pisa die Fallgesetze.“
„Pisa liegt in Italien, oder?“
„Ja, genau.“
„Und was er im Jahre 1589 dort gemacht hat, ist modern?“
„Sehr richtig. Obwohl seine Theorien über 400 Jahre alt sind.“
„Wahnsinn. Von dir könnte ich bestimmt viel lernen! Wie ging es weiter?“
„Ich wollte also unbedingt Physik studieren, hatte aber wenig Geld. Ich verdiente mir nachts in Kneipen oder frühmorgens in der Markthalle ein bisschen dazu. An der Uni lernte ich meine spätere Frau kennen. Sie hieß Mary und war gerade mal 18 Jahre alt. Ich war fast 25. Obwohl wir arm waren, waren wir sehr glücklich. Es war eine schöne Zeit.“
„Na also. Bis jetzt hört es sich doch gut an.“
„Ja, ja. Wir waren fleißig. Ich hatte in der Mindestzeit studiert und kurz vor meinem Abschluss bekam ich einen gut bezahlten Job.“
„Na super“, rief Edi 9-Erler, doch der Deputy ließ die Schultern hängen. Mit trauriger Stimme sagte er: „In der Kernforschung.“
„Ihr habt Kerne erforscht?“
„Atomkerne. Wir bekamen laufend Regierungsaufträge und man zahlte uns Spitzengehälter. Wir durften uneingeschränkt Forschung betreiben. Wissenschaftlich zu arbeiten kostet viel Geld, aber plötzlich spielte Geld gar keine Rolle mehr. Wir arbeiteten wie die Besessenen, oft bis in die späte Nacht hinein, denn Wissenschaftler wollen immer die Ersten sein, wenn es darum geht, etwas zu entdecken. Oft neiden sie den Kollegen auch ihre guten Erfolge.“
Edi hörte erstaunt zu und flüsterte: „So fleißig war ich nie!“
„Sei froh. Zu viel zu arbeiten ist nämlich auch nicht gut. Heute weiß ich es, nur ist es zu spät. Schließlich gelang die künstliche Herstellung radioaktiver Stoffe, dann die Spaltung des Urankerns, erster Kernreaktor ... – all diese Dinge.“
„Oh je“, murmelte nun Nattis Großvater. Mehr fiel ihm dazu nicht ein, denn eines war auch ihm jetzt klar: Sein Freund hatte an der Entwicklung der verheerenden Atomrakete mitgearbeitet.
„Wir wollten saubere Energie herstellen, um die Wälder und Flüsse zu schonen! Und wenn ich daran denke, was sie dann aus unserer Arbeit gemacht haben ...“, versuchte sich der Deputy zu rechtfertigen.
„Hast du gewusst, dass diese Kernenergie einmal als Waffe gegen andere Menschen eingesetzt werden wird?“
„Nein!“, rief dieser entrüstet, „natürlich nicht! Ich habe doch nicht im Kriegsministerium gearbeitet! Als ich von der Bombe erfuhr, habe ich mich sofort davon abgewandt!“ Dann wurde er wieder leise: „Aber trotzdem, wir hätten daran denken müssen ...“
Da beschwichtigte Edi 9-Erler: „Paperlapap! Ihr habt doch nichts Böses im Sinn gehabt! Oder?“
„Nein! Auf keinen Fall!“
„Na also. Medikamente helfen auch. Wenn sie aber falsch verwendet werden, schaden sie.“
„Was du da sagst, hört sich vernünftig an. Ich wollte niemals Schaden anrichten. Glaubst du mir das?“
„Natürlich glaube ich dir!“
„Das erleichtert mich. Aber selbst die friedliche Nutzung der Atomenergie in den Kraftwerken ist gefährlich, wie wir inzwischen wissen.“
„Das ist richtig. Aber leider hat der Erdhaufen nichts daraus gelernt. Würdest du mit deinem Fachwissen heute ein Atomkraftwerk betreiben?“
„Behüte! Nein!“
„Eben. Du hast gelernt. Außerdem ...“ – Edi 9-Erler schüttelte entschieden den Kopf –„ich bin wirklich ein ungebildeter Mensch, überhaupt im Vergleich zu dir, aber eines ist mir klar wie Fleischbrühe: Du hättest nichts aufhalten können!“
„Meinst du wirklich? Trifft mich keine Schuld?“
„Genau das meine ich.“ Nun schien der Deputy nun doch erleichtert zu sein. Das nützte Herr 9-Erler aus und scherzte: „Natürlich ist das so! Am Erdhaufen wäre mir doch glatt der Schnee angebrannt, wenn ich da nicht Recht hätte! – Hier herobüben gibt es ja keinen.“
„Oh doch“, wurde er sogleich belehrt, „kommt schon mal vor. Aber unser Schnee ist gar nicht kalt. Du bist noch nicht lange genug bei uns, um welchen erlebt zu haben. Da feiern wir alle ein fröhliches Flockenfest. Es ist wunderschön.“ Edi 9-Erler lächelte:
„Darauf freue ich mich heute schon.“
„Das Gespräch mit seinem Freund hatte dem Deputy wirklich gut getan. Er nahm sich vor, über die Worte seines Freundes am Abend noch einmal nachzudenken...

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