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"Zaunschirm zum Geburtstag"

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1 "Zaunschirm zum Geburtstag" am Mo Aug 26, 2013 11:18 am

"Zaunschirm zum Geburtstag"

Martin hatte schon als Baby eine sehr gute Verdauung. Nicht nur einmal,
nein bis zu dreimal am Tag ging er auf die „große Seite“ Viele in unserer
Familie beneideten ihn darum.
Daher bemerkte ich auch lange nicht, dass sich das geändert hatte.

Erst kurz nach seinem 5. Geburtstag, als Martin immer dicker und dicker
wurde, d.h. er bekam nur einen großen harten Bauch, sonst blieb er schlank,
beachtete ich seine Verdauung. Tagelang ging er nicht aufs Klo, wenn ich ihn
darauf ansprach meinte er immer „Ich muss nicht“.

Voller Sorge, er könne an einem Darmverschluss, oder Wurm, oder sonstigen
Dingen leiden, suchte ich meinen Hausarzt auf. Er tastete Martin ab und fragte
nach seinem Allgemeinzustand, konnte aber keine Anzeichen einer Krankheit
finden. Um aber nichts zu übersehen, schickte er uns zum Röntgen.

Dort machte man eine Aufnahme von Martins Darm.
Außer dass er vollgefüllt war, konnte man auch nichts feststellen. Martin war
von seinen Röntgenaufnahmen ganz fasziniert und fragte ob er wieder einmal
kommen könne, ein Foto von seinem Bauch zu machen.

Mit dem Befund fuhren wir wieder zu meinem Hausarzt.
Er riet mir zu Milchzucker, Zwetschken und Leinsamen und zu Geduld.

Als Martin schon 2 Wochen nicht mehr „Stinki“ war, ging ich neuerlich
zum Arzt und holte eine Glyzerinlösung. Martin legte sich ohne Widerrede
im Badezimmer auf den Boden und ich verabreichte ihm den
Einlauf. Nachdem er sein Geschäft erledigt hatte, meinte er „lasst ihr mich
jetzt endlich in Ruhe mit „geh Stinki“ Ich kann das schon nicht mehr
hören“. Auch wir konnten es schon nicht mehr hören. Jeden Abend
interviewten wir ihn ob er Probleme hätte oder
Schmerzen,… nein es wäre nichts.

Eines Tages aber brach es aus ihm heraus:
„Weißt du nicht, dass ich nicht mehr wachse, wenn ich das was ich mühevoll
esse wieder rausgacke ?“ Jemand im Kindergarten aus seiner Bande hätte ihn
mit diesen Weisheiten versorgt. Wer, das würde er nicht sagen, er könnte sich
auch gar nicht mehr erinnern. Da aber alles was seine Bande von sich gab,
ohnehin die einzige Wahrheit sei, könnten wir als Erwachsene
sowieso mit unserer Meinung einpacken.

Am nächsten Tag suchte ich das Gespräch mit seiner Kindergartentante.
Diese war von den Aussagen entsetzt und versprach im Kindergarten das
Thema „Mensch, Nahrungsaufnahme, Verwertung, Verdauung“ durchzusprechen.
Vielleicht würde das helfen. Nach einigen Tagen hatten wir Martin dann wirklich
soweit, dass er uns glaubte, dass er nicht wachsen sondern sterben würde,
sollte er weiterhin den Stuhldrang zurückhalten. Nur, aufs Klo
ging er trotzdem nicht.

Mit der Lösung dass er jeden Samstag Vormittag
ein Glyzerinzapferl verabreicht bekam war er ganz zufrieden und von selber
müsse er nicht.

Die Zeit verging und jedes Monat waren wir zur Besprechung bei meinem
Hausarzt, so auch heuer im April. Ich war schon wirklich verzweifelt. Schließlich
möchte ich in meinem Leben auch noch was anderes denken, als ob der Herr Sohn
am Klo war oder zum Arzt muss. Martin hatte auch zugestimmt ein paar Tage im
Spital zu verbringen und sich durchuntersuchen zu lassen. Ich wollte meinen Arzt
diesmal um seinen Rat diesbezüglich fragen. Herr Schöfmann winkte aber ab, nein ein
stationärer Aufenthalt würde Martin nicht helfen. Er würde mir dazu raten, den
Primar der Kinderabteilung, Herrn Zaunschirm, in seiner Privatordination
aufzusuchen und gemeinsam mit Martin ein eingehendes Gespräch zu führen. Ich
stimmte zu und lies mir seinen Freundschaftsbrief an Herrn Dr. Zaunschirm
aushändigen.

Zuhause am Abend besprach ich die Kosten dieser
Behandlung mit meinem Freund. Dann rief ich Martin. Mit den Nerven am Ende
teilte ich ihm mit:

„Martin, wir werden zu Dr. Zaunschirm gehen.
Das Gespräch mit ihm wird mit Sicherheit 100 € kosten, aber weil du und deine Gesundheit
mir das Wert sind, gebe ich das gerne aus. Da du in einem Monat ja Geburtstag
hast, wirst du von mir heuer keine Geschenke bekommen. Um die 100 € würden sich
zwar 15 Dinosaurier ausgehen, aber deine Gesundheit ist mir wichtiger. Mein
Geschenk an dich ist das Gespräch mit Herrn Zaunschirm“.

Daraufhin fing Martin zu Toben an wie noch nie.
Immer wieder schrie er „Ich will Spielsachen bekommen, nicht den Zaunschirm.
Ich will nicht den Zaunschirm zum Geburtstag,…“

Da wir aber nicht von unserem Standpunkt
abrückten, hörte Martin irgendwann wieder auf zu Toben, ging aufs Klo und rief
nach 10 Sekunden „Mama stinki !“

Wir dachten es wäre ein Wunder geschehen, war
Martin doch seit fast einem Jahr nicht mehr ohne Zapferl aufs Klo gegangen.

Am nächsten Tag brauchte ich nur mehr
„Zaunschirm“ sagen und er ging schon aufs Klo.

Ängstlich erwartete ich seinen Geburtstag.
Natürlich hatte ich Bedenken, dass er, nachdem er die Geschenke abkassiert
hätte, wieder nicht mehr aufs Klo ging. Doch das ist bis jetzt nicht der
Fall. Jeden Tag geht er nun brav „Stinki“,
ohne Diskussion, als hätte es nie Probleme gegeben.

Selbstverständlich berichtete ich auch meinem Hausarzt vom Ende des Dramas
und dem Zauberwort „Zaunschirm“. Noch nie hätte er so einen Fall gehabt. Beim
nächsten Ärztetreffen unter anderem auch mit Dr. Zaunschirm werde er über
Martin und sein besonderes Geburtstagsgeschenk berichten.

Andrea Schiffinger über ihren Sohn
Martin, 6 Jahre Krems,
am 17.06.2005

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