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Hannelore Valencak: Das Fenster zum Sommer. Residenzverlag, 2006

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Hannelore Valencak: Das Fenster zum Sommer. Residenzverlag, 2006

Dieses Buch ist eines meiner Lieblingsbücher. In meinem Hinterkopf ist es immer präsent und von Zeit zu Zeit lese ich es. Die Qualität liegt nicht nur im sprachlichen Ausdruck sondern auch darin, dass es sich den eigenen Lebenssituationen anpasst und man sich darin immer wieder neu erkennt.

Am besten wird das Buch in einer Besprechung im Kurier von Barbara Mader beschrieben. Unter dem Titel : Fluchtversuch vor ranzigem Leben. Hannelore Valencak - "Das Fenster zum Sommer bleibt zu" schreibt sie:
Die beklemmende Welt eines Frauenlebens in einer österreichischen Kleinstadt in den frühen Sechziger.

Man trägt Dauerwelle, es riecht überall nach angebrannten Erdäpfeln. Rock´n´Roll findet hier nicht statt. Raus kommst du nur, wenn du heiratest.

Im Büro hört man nur die Kaugeräusche der Kollegin mit den entzündeten Augen und dem plumpen Gang. Freude nach der Arbeit bereitet höchstens ein Besuch in der Konditorei. Man wohnt bei der Tante, schläft im Kabinett, die Nachbarin kommt mit Tratsch über die Unverheiratete von der Vierer-Stiege. Es riecht nach Spiritus und Mottenkugeln, nach Kampfer und ranzigem Leinenöl, nach geronnener Milch.

Aufgewacht: Dem allen glaubt sich Ursula entflohen. Sie hat Joachim geheiratet, ist in einen anderen Stadtteil gezogen, hat ihre Stelle im Übersetzungsbüro gekündigt. Sie hat "Ein Fenster zum Sommer" geöffnet. Dann wacht sie auf und alles ist fort, Sie liegt wieder im Kabinett bei der Tante, wo es ranzig riecht. Die Welt hat einen Zeitsprung nach hinten gemacht, es ist nicht mehr der Junimorgen, an dem sie mit Joachim zur Hochzeitsreise in die Camergue aufbrechen wollte.

Es ist wieder der siebente Februar. Sie ist in ihrem alten, abgelegten Leben zurück. Sie zieht sich an, bindet einen blauen Schal um, den sie Monate später verloren hat, trifft an der Bushaltestelle eine Kollegin, die Monate später gestorben ist.

Joachim erkennt sie am Telefon nicht, sie hat ihn im Februar, den sie jetzt wieder erleben muss, noch nicht getroffen. Sie will ihn wieder kennenlernen, später wird sie die Straßenbahn, in der sie ihn traf, versäumen.

Absurder Scherz: Hannelore Valencaks sprachlich perfekter Roman ist ebenso tadellos konstruiert. Die unheimliche Geschichte des Ankämpfens gegen den absurden Scherz, den sich die Zeit mit ihr erlaubt, erinnt an Marlen Haushofers "Wand".

Auch der Ton, mit dem Valencaks Frauen nicht hinnehmen, was ihnen das Leben zumutet, erinnert an ihre Zeitgenössin.

Und Valencak hat, wie auch Haushofer (1920-1970), nben ihren Romanen Jugendbücher geschrieben. Dunkel, geheimnisvoll, nüchtern im Ton.

Die 1929 in Donawitz in der Steiermark geborene Physikern Valencak arbeitete in einem Stahlwerk, ab 1975 hauptberuflich als Schriftstellerin. Sie starb 2004 in Wien und muss unbedingt wiederentdeckt werden.


Besprechung von Daniela Strigl in Der Standard, Wien vom 9.9.2006:

Auf der falschen Seite der Zeit
Ein Glücksfall für den Leser: Hannelore Valencaks Roman "Das Fenster zum Sommer" ist wieder aufgelegt worden

Es ist die klassische Situation des phantastischen Realismus seit Kafkas Verwandlung: Jemand erwacht und findet sich in einer anderen als seiner gewohnten Welt wieder. In Hannelore Valencaks Buch heißt dieser Jemand Ursula, eine junge Frau, frisch und glücklich verheiratet. Sie schläft ein an einem Juliabend, vor der Abreise zum ersten gemeinsamen Urlaub, und sie erwacht an einem Februarmorgen. In der Nacht hat sie von ihrer alten Tante geträumt, bei der sie vor ihrer Heirat lebte: „Ich war weit zurückgeschoben worden auf dem großen Verschubbahnhof der Nacht, zurück in jene längst vergangene Zeit. (...) Und jemand hat eine Weiche falsch gestellt, und ich bin auf der falschen Seite aufgewacht. Dies hier war ein falscher Tag, ein falsches Leben. Es war meine eigene Vergangenheit.“
Dass Valencaks unter dem Titel "Zuflucht hinter der Zeit" 1967 erschienener Roman nun neu aufgelegt wurde, ist ein Glücksfall für Leser. Endlich kann man ein Schlüsselwerk der österreichischen Literatur nachlesen, ein Buch, das seine Faszination bis heute bewahrt hat, nicht nur weil es in einer aufregend unaufgeregten Sprache geschrieben ist, einer Sprache von gleichsam kontrollierter Intensität, bald bildhaft, bald sachlich, bald souverän ironisch. Nein, Das Fenster zum Sommer (so der Titel der Neuausgabe 1977) ist auch das, was man altmodisch „gedankenreich“ nennen könnte, die überaus anregende, bis ins Kleinste durchdachte Geschichte einer intelligenten Autorin.

Wie eine Figur im „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel sieht die Heldin sich von einer höheren Gewalt zurück an den Start gestellt: in den muffigen Haushalt der herrschsüchtigen und egomanischen Tante Priska, die an ihr Mutterstelle vertreten hat, an den rußigen Rand einer größeren Stadt, in das öde Übersetzungsbüro einer Stahlfirma (wohl eine Reminiszenz an Donawitz, den Geburtsort der Autorin). Am Anfang will Ursula dagegen aufbegehren, sie muss aber einsehen, dass ihr Mann Joachim sie – noch – nicht kennt und auf sie auch nicht neugierig ist. Dann versucht sie gezielt, seine Bekanntschaft zu machen, bis ihr klar wird, dass sie mit jeder Aktivität, mit jeder Abweichung vom einmal begangenen Weg die „künftige“ schicksalhafte Begegnung in der Straßenbahn gefährdet. Dabei ähnelt Ursulas Joachim, der Sensible, Lebensweise, Ränkelose, mehr einem Wunschbild als einem Mann aus Fleisch und Blut.

Valencak zeigt, wie das Wissen um baldige Veränderung zum Guten das Verhalten beeinflusst, wie es ein lethargisches, mutloses Wesen bald großzügig-verständnisvoll macht, bald rebellisch. Herrlich sind die boshaften Beschreibungen der langweiligen Bürokollegen, des sadistischen Chefs, der unausstehlichen Tante („Die geistige Nahrung, die Tante Priska aufnahm, erinnerte mich an Zeiten der Hungersnot, in welcher die Leute Baumrinde kauten und Suppen aus Lederriemen kochten“). Das Fenster zum Sommer ist auch ein Plädoyer gegen die kleinbürgerliche Genügsamkeit, gegen das Arrangement mit der Welt und den Kotau vor dem Schicklichen. Vor allem aber demonstriert der Roman „die entsetzliche Gewalt der Zeit, unser ständiges Eingespanntsein in ein Jetzt und Hier. Nicht die kleinste Ausweichbewegung war erlaubt.“

Ein Stück Lebenszeit zu wiederholen, das ist ein Ausbruchsversuch, der den Zwang nur umso deutlicher vor Augen führt. Hundert Fragen stellen sich: Was tun, wenn man das Todesdatum einer Frau kennt? Sie warnen? Auch wenn das den Gang der Dinge stört? Und wie schlägt man jene wüstenhaft leeren Tage tot, die man schon einmal durchlebt hat? Ursula findet schließlich das Bild der Existenz im Fluss der Stadt, der am einen Ende klar dahinfließt, am anderen als schwarze giftige Brühe, Zukunft und Gegenwart stets in einem. Die Zeitreise steckt voller überraschender Wendungen, das Ende ist kein glückliches, obwohl sich herausstellt, dass Ursula noch Glück gehabt hat.

Der Wirtschaftswunderglaube der Sechzigerjahre begünstigte literarische Fantasien von einer Zuflucht hinter der Zeit: Marlen Haushofers Die Wand und Thomas Bernhards Frost waren solche Ausstiegsversuche. Hannelore Valencaks Interesse für das Phänomen Zeit mag damit zu tun haben, dass sie Physikerin war. Mit ihrer Literatur hat sie sich damals hier zu Lande einen Namen gemacht, als sie vor zwei Jahren starb, war sie jedoch beinah vergessen. Hoffentlich ist dies der Startschuss für die Wiederauflage ihrer anderen.

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